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Wie weit werden Machtkämpfe gehen?

Die geopolitischen Spannungen nehmen zu: Welche Folgen hat dies für die Globalisierung und wirtschaftliche Stabilität? Auf der Coface Country Risk Conference am 17. Februar teilen vier Expert:innen ihre Analysen zu den geopolitischen Rivalitäten, die den Welthandel beeinflussen.

„Die Zukunft ist eine Tür, die Vergangenheit ist der Schlüssel“, schrieb Victor Hugo. Auch jüngste Ereignisse können zweifellos helfen, die Gegenwart zu verstehen und vor allem die Zukunft zu skizzieren. Einige Ereignisse des Jahres 2025 fallen in diese Kategorie. „Nachdem die Parole ‚drill, baby, drill‘ ertönte, war die Demütigung, die Donald Trump und sein Vizepräsident im Februar vergangenen Jahres dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj live aus dem Oval Office zufügten, für mich Ausdruck einer sehr brutalen Methode in Form und Inhalt, wie die Trump-Regierung ihre Politik gestalten wollte“, erklärt Thomas Gomart, Direktor des französischen Instituts für internationale Beziehungen (IFRI). „Ich sah in diesem Vorfall auch eine ideologische Annäherung zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml im Ukraine-Konflikt.

 

Wenige Wochen später war der „Liberation Day“, an dem der US-Präsident eine erste Welle massiver Zollerhöhungen verkündete, ein weiteres Beispiel dieser neuen Machtausübungsmethode: Donald Trump beginne „stets damit, weiterzugehen als erwartet, bevor er teilweise zurückrudert – daher das Akronym TACO für ‚Trump Always Chickens Out‘“, ergänzt Andrew Bishop, Senior Partner und Leiter der globalen politischen Analyse bei Signum.

 

Liegt Europas Rettung in engeren Beziehungen zu China?

 

Für Agatha Kratz, Partnerin bei Rhodium Group, sind die Daten 4. April und 9. Oktober 2025 ebenfalls bedeutend. „Diese beiden Tage stehen für Chinas Einführung von Maßnahmenpaketen zur Kontrolle der Exporte kritischer Mineralien.“ Durch die Sicherung seiner Kontrolle über unverzichtbare Ressourcen (Elektrifizierung von Anwendungen, Betrieb von Rechenzentren usw.) wolle das Reich der Mitte sowohl souveränitäts- als auch diplomatische Vorteile erzielen, da „die Fähigkeit anderer Staaten, Druck auszuüben, automatisch verringert wird“.

 

Der Kreislauf kritischer Metalle

Versuche der USA, Grönland zu annektieren und die „Donroe-Doktrin“[1] umzusetzen, zunehmender militärischer Druck auf Taiwan und die erneute Bekräftigung nuklearer Ambitionen Chinas: Die Signale, die die beiden globalen Wirtschaftsmächte in den vergangenen Monaten gesendet haben, wurden Anfang 2026 in konkrete Maßnahmen übersetzt.

Und sie mischen die geopolitischen Karten neu. Tania Sollogoub, Leiterin der Länder- und geopolitischen Forschung der Crédit Agricole Gruppe, spricht von der „Geopolitik der Ressourcen“. „In der Geschichte gab es nie einen hegemonialen Zyklus, der nicht eng mit einem oder zwei strategischen Rohstoffen verbunden gewesen wäre. Heute sind wir in den Zyklus kritischer Metalle eingetreten, die für Staaten von existenzieller Bedeutung sind“, betont die Expertin.

Tania Sollogoub verweist auf eine „Höchstphase der Knappheitsangst“, sichtbar in Vorratsaufbau, produktbezogenen Allianzen und einer laufenden Umstrukturierung der Lieferketten. „Während die Seewege brennen, beobachten wir eine Neuordnung der Ströme und Routen, erkennbar auch an den zahlreichen Infrastrukturprojekten an Land und der Rückkehr des Begriffs ‚Korridor‘“, ergänzt sie.

 

Das Zeitalter des ‚Realismus‘

In diesem Umfeld entstehen sicherlich wirtschaftliche Chancen, wie die derzeit verstärkten Handelsbeziehungen zwischen Saudi-Arabien und Brasilien sowie zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Indien zeigen.

Doch insgesamt ist diese Verschärfung der Rivalitäten vor allem eine Quelle der Unsicherheit – für Regierungen wie für Unternehmen. „Unternehmen haben erkannt, dass Risiko, insbesondere geopolitisches Risiko, die neue Normalität ist“, warnt Tania Sollogoub, die darin eine der großen Herausforderungen sieht: die Übertragungswege sensibler Ereignisse zu identifizieren.

Auffällig ist der Wille der Unternehmen, sich vom geopolitischen Risiko abzukoppeln und alles zu tun, um ihr Geschäft aufrechtzuerhalten – bis zu einem gewissen Punkt“, sagt Thomas Gomart. Doch wo liegt dieser Punkt? Viele Unternehmen seien von einem binären Risikoverständnis – ich akzeptiere es oder nicht – zu einem realistischeren Ansatz übergegangen. Dieser sei geprägt von Szenarienvielfalt, jeweils mit eigenen Handlungsplänen. „Wir treten in das Zeitalter der Realgeopolitik ein“, fasst Tania Sollogoub zusammen, die zudem die Gefahr sieht, dass Unternehmen sich zunehmend von ihren eigenen Regierungen entkoppeln.

Ein Zeitalter, in das Europa nicht aus einer Position der Stärke eintritt. Mit dem Verlust eines seiner wenigen Vergleichsvorteile – Stabilität – durch den Krieg in der Ukraine, wird der Kontinent zusätzlich geschwächt durch politische Fragmentierung und die Risse im transatlantischen Bündnis. 

Thomas Gomart weist jedoch darauf hin, dass eine wirtschaftlich offene Welt eine Mindestmenge an Regeln erfordere, an die sich die Großmächte halten müssen. In dieser Hinsicht habe „Europa wohl noch politischen Handlungsspielraum“. Zwischen den USA und China gefangen, werde es dennoch schwer, seine Stimme zu Gehör zu bringen.

 

Bipolare Entscheidungsfindung in den USA

Entscheidungen der US-Bundesbehörden sind oft schwer zu analysieren, weil sie nicht der gleichen Logik folgen – je nachdem, wer sie trifft! „In den USA koexistieren zwei Visionen: jene von Donald J. Trump und jene seiner Administration“, erklärt Andrew Bishop.

Diese Einschätzung teilt Agatha Kratz. „Letztere verfügt beispielsweise über eine echte China-Strategie (den Wunsch, externe Einflüsse auf dem amerikanischen Kontinent zu beseitigen, kritische Lieferketten wieder aufzubauen, dort gewonnene strategische Ressourcen zu erwerben usw.), die der Präsident, dessen Ansatz stark transaktional geprägt ist, nicht hat.

Für Andrew Bishop ist das Hauptanliegen des US-Präsidenten, „ein historisches Vermächtnis zu hinterlassen“, was die „Inkonsistenz der Entscheidungen“ erkläre – etwa den Wunsch, als Friedensstifter zwischen Russland und der Ukraine aufzutreten und gleichzeitig interventionistisch in Venezuela einzugreifen.

Das Verhalten der Administration hingegen – vertreten durch Vizepräsident J.D. Vance und Außenminister Marco Rubio – erscheine deutlich konsistenter. „Ihre Strategie basiert auf einem vollständigen Rückzug der USA aus der Weltbühne und der Bildung eines Bündnisses gegen China, an dem auch Europa beteiligt wäre.

 

Annäherung zwischen China und Europa: Hat Europa mehr zu verlieren als zu gewinnen?

Paris, Berlin, Madrid, London – Besuche europäischer Staats- und Regierungschefs in China häufen sich. Unter Druck durch die US-Regierung, erhöhte Zölle und Kritik am alten Kontinent wirkt ein Schulterschluss mit Peking attraktiv.

Zumal beide Seiten Herausforderungen wie „demografische Alterung und Energiewende“ teilen, so Thomas Gomart. Doch laut mehreren Expertinnen dürfte das Kosten-Nutzen-Verhältnis für Europa negativ ausfallen. „China hat wenig zu bieten“, so Agatha Kratz, für die die Risiken überwiegen.

Sie verweist auf: schwaches chinesisches Wachstum, weit unter offiziellen Zahlen; weniger aussichtsreiche Handelsbeziehungen – sichtbar etwa am Rückgang deutscher Autoexporte nach China um 44 Prozent im Jahr 2025 –, sinkende Margen lokaler Firmen aufgrund von Überkapazitäten; und weniger Spielraum für internationale Unternehmen vor Ort. Andrew Bishop geht noch weiter: „China ist nicht nur eine wirtschaftliche Bedrohung für Europa. Es ermöglicht Russland, den Krieg in der Ukraine fortzuführen – und was, wenn Peking möchte, dass Moskau gewinnt? China stellt auch eine physische Bedrohung für Europa dar.

Dies zwinge Europa zum Balanceakt. „Es ist essenziell, die Beziehungen zu stabilisieren, aber man darf die China-Karte nicht überreizen“, warnt Kratz.

Ist die amerikanische Demokratie in Gefahr?

Die Liste der Angriffe auf die amerikanische Demokratie wird länger: Abbau von Kontrollinstanzen – insbesondere der Justiz –, Angriffe auf Medien, Behördenauflösungen in Umwelt-, Gesundheits-, Diversitäts- und Inklusionsbereichen, Wahlkreisneuziehungen zugunsten der Republikaner.

Hinzu kommen Demonstrierende, die unter fragwürdigen Umständen durch die Einwanderungsbehörde getötet wurden. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 steht die Demokratie erheblich unter Druck. „Es gibt eine klare Richtungsänderung“, sagt Thomas Gomart. Bedeutet dies einen Übergang zu einem autoritären Regime?

Der Experte beruhigt: Anders als etwa in Russland verfügt die USA über Gewaltenteilung, und die Zivilgesellschaft mobilisiert sich. Die anstehenden wichtigen Wahlen – insbesondere die Midterms am 3. November – seien eine Chance, „diese Fehlentwicklungen zu korrigieren“.


[1] In Bezug auf die berühmte Monroe-Doktrin, angewendet auf Donald Trump.

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