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Petrochemikalien: Asiatische Produzenten sind besonders anfällig für Unruhen im Nahen Osten

Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten gefährden eine bislang wenig beachtete Säule der globalen Industrie: den Petrochemiesektor. Asien ist in besonderem Maße auf Naphtha, verflüssigtes Erdgas (LPG) und Methanol aus der Golfregion angewiesen und spürt bereits erste Schockwellen. Geringe Lagerbestände auf der einen Seite und stark steigende Preise auf der anderen.

Die Krise beschränkt sich nicht mehr auf den Energiesektor. Sie greift auf die gesamte industrielle Wertschöpfungskette über. Da 60 bis 70 Prozent des asiatischen Naphthas durch die Straße von Hormus transportiert werden, könnte eine länger anhaltende Störung die Handelsströme, Kosten und möglicherweise sogar die geografische Struktur der globalen Petrochemie nachhaltig verändern.

Joe Douaihy, Sektorökonom, Coface.

 

Petrochemikalien: Asien rückt ins Zentrum des geopolitischen Schocks

Die zunehmenden Spannungen im Nahen Osten und Störungen rund um die Straße von Hormus haben die Volatilität in den Energie- und Chemikalienmärkten deutlich erhöht. Die Region liefert einen erheblichen Teil der wichtigsten Rohstoffe des Sektors: Rohöl, Naphtha, LPG, Methanol und weitere zentrale Vorprodukte.

Für asiatische Produzenten ist diese Abhängigkeit strukturell bedingt: 60 bis 70 Prozent ihres Naphthas und 45 Prozent ihres LPG stammen aus dem Nahen Osten. Daher ist Asien die erste Region, die den Schock absorbieren muss, während sich das Angebot verknappt und die Preise rasch steigen.

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Die aktuellen Spannungen treffen auf eine schwache Nachfrage, insbesondere im Bau- und Automobilsektor, sowie auf eine anhaltende Überkapazität in China. Zudem arbeiten asiatische Produzenten, beispielsweise in Südkorea und Japan, strukturell mit niedrigen Lagerbeständen von Naphtha und LPG, die nur wenige Wochen Produktion abdecken. Die Folge: Die Naphtha-Bestände schrumpfen schnell, was Produzenten zu Produktionskürzungen zwingt.

 

Der Golf: ein unverzichtbares Glied im globalen Chemienetz

The Middle East plays a critical role upstream in the petrochemical chain. Beyond oil, the Gulf exports vast quantities of naphtha and LPG, two products essential to Asian cracking units, which feed a vast chain of derivatives — plastics, composite materials, solvents, synthetic textiles and cosmetics. The Strait of Hormuz channels the bulk of these flows to hubs such as China, South Korea, Japan and Thailand

Der Nahe Osten spielt eine zentrale Rolle in der vorgelagerten petrochemischen Wertschöpfungskette. Neben Rohöl exportiert die Golfregion große Mengen an Naphtha und LP, zwei Produkte, die für asiatische Crackanlagen unverzichtbar sind. Diese Anlagen speisen eine breite Palette an Derivaten wie Kunststoffe, Verbundwerkstoffe, Lösungsmittel, synthetische Textilien und Kosmetika. Die Straße von Hormus ist dabei der wichtigste Korridor für Lieferungen zu asiatischen Drehkreuzen wie China, Südkorea, Japan und Thailand.

Auch Methanol ist von großer Bedeutung: Iran und die Mitgliedsstaaten des Golfkooperationsrats (GCC) liefern den Großteil der Mengen, die China für seine MTO-Anlagen (Methanol-to-Olefins) benötigt. Diese decken rund 20 Prozent der chinesischen Olefinproduktion ab. Olefine (Ethylen, Propylen, Butadien) bilden die Grundbausteine der globalen chemischen Industrie. Um mögliche Ausfälle zu kompensieren, beginnt China bereits damit, seine kohlebasierten Methanolkapazitäten auszubauen.

 

Erste Auswirkungen: Margendruck und Produktionsstopps

The first signs of disruption are already emerging. Several Asian refiners are reducing their throughput, whilst major producers — Yeochun NCC (Korea), PCS (Singapore) — have invoked force majeure, citing circumstances that are disrupting their operations and preventing them from maintaining normal business, particularly in fulfilling their commitments to customers. 

Die ersten Störungen zeigen sich bereits. Mehrere asiatische Raffinerien reduzieren ihre Durchsätze, während große Produzenten (Yeochun NCC (Korea), PCS (Singapur)) höhere Gewalt geltend machen. Sie verweisen auf Umstände, die ihre Prozesse beeinträchtigen und die Einhaltung vertraglicher Verpflichtungen erschweren.

Bestellungen für Polyethylen und Polypropylen wurden in mehreren Märkten ausgesetzt. Dies deutet auf eine rasche Angebotsverknappung hin. Selbst wenn die Krise nur von kurzer Dauer wäre, ist das Wiederanfahren petrochemischer Anlagen nach Produktionskürzungen komplex und kostenintensiv. Die Folgen könnten daher weit über die Dauer der akuten Spannungen hinausreichen.

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Mögliche Neuordnung des Sektors: Gewinner, Verlierer und neue Gleichgewichte

Hält die Krise an, könnte sich die Struktur des Sektors deutlich verschieben.

  • Vereinigte Staaten: Potenzielle Gewinner aufgrund sehr niedriger Ethylenkosten, die ihnen ermöglichen könnten, ihre Exporte nach Asien auszuweiten.
  • China: Vielseitig aufgestellt und in der Lage, auf Kohle zurückzugreifen. Dies ermöglicht sowohl die direkte Produktion von Chemikalien (CTO) als auch die Herstellung von Methanol, das wiederum die MTO-Anlagen speist. Der Großteil des Methanols stammt jedoch derzeit aus dem Nahen Osten – wo die Preise stark steigen.
  • Europa: Befindet sich in einer verletzlichen Position. Hohe Energiekosten und begrenzte Möglichkeiten, Preissteigerungen weiterzugeben, belasten die Wettbewerbsfähigkeit.
  • Indien: Ein möglicher positiver Ausreißer, sofern es gelingt, mehr aus russischem Rohöl zu produzieren. Aufgrund seiner geografischen Lage könnte Indien asiatische Märkte effizient bedienen.

 

1 Naphtha ist ein flüssiges Gemisch leichter Kohlenwasserstoffe. Es wird hauptsächlich bei der Rohölraffination gewonnen und dient als Rohstoff für die petrochemische Industrie.

2 Der Golfkooperationsrat (GCC) ist ein politisches und wirtschaftliches Bündnis von sechs Staaten: Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Kuwait, Katar, Bahrain und Oman.

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