Nach fast zwanzig Jahren unterbrochener Verhandlungen haben die EU und Indien eines der ambitioniertesten Freihandelsabkommen (FTAs) des vergangenen Jahrzehnts finalisiert und öffnen damit ihre Märkte, während sensible Sektoren weiterhin geschützt werden. Die Vorteile werden sich schrittweise entfalten, bieten jedoch bereits jetzt greifbare Perspektiven für Waren, Dienstleistungen und Investitionen auf beiden Seiten.
Kennzahlen:
- 97 %: Niveau der Zollöffnung auf beiden Seiten
- 50 %: US-Zölle auf indische Exporte seit 2025… zusätzlich zu einem neuen US Indien Handelsabkommen, das im Februar angekündigt wurde
- 144: Anzahl der vom Abkommen abgedeckten Dienstleistungsuntersektoren
Zwanzig Jahre Warten auf eine strategische Wende
Nach fast zwanzig Jahren Verhandlungen, die seit 2007 mehrfach unterbrochen wurden, ist es der Europäischen Union und Indien gelungen, ein Freihandelsabkommen von außergewöhnlicher Tragweite abzuschließen. Die Gespräche waren jahrelang aufgrund des Zugangs zu den Automobil-, Agrar- und Milchmärkten blockiert, bevor sie 2022 wieder aufgenommen und 2025 deutlich beschleunigt wurden. Der Einsatz ist hoch: Gemeinsam stehen EU und Indien für nahezu ein Viertel des weltweiten BIP und ein Drittel des internationalen Handels. Das Abkommen zielt darauf ab, eine bereits rasch wachsende Handelsbeziehung zu strukturieren und abzusichern; die EU ist seit 2006 Indiens größter Handelspartner.
Ein weitreichendes Öffnungsabkommen in einem angespannten geopolitischen Umfeld
Das Abkommen schafft ein beispielloses Maß an Handelsöffnung: Die EU liberalisiert 97 % ihrer Zolllinien für indische Exporte: 91 % davon sofort, während Indien seine Zölle auf mehr als 97 % der europäischen Importe schrittweise senkt. Es bringt wesentliche Fortschritte bei Dienstleistungen, geistigem Eigentum und mehreren strategischen Sektoren, auch wenn der Schutz für Automobil, Landwirtschaft und Stahl bestehen bleibt.
Seine Unterzeichnung erfolgt vor dem Hintergrund eines instabilen geopolitischen Umfelds: Seit 2025 haben die Vereinigten Staaten kumulierte Zölle von 50 % auf indische Exporte verhängt; der teilweise Verlust des GSP (Allgemeines Präferenzsystem) hat den Zugang Indiens zum EU Markt geschwächt; und Neu-Delhi sucht nach einem stabileren Rahmen. Für die EU ist das Abkommen Teil einer Strategie zur Diversifizierung, Stärkung der handelspolitischen Autonomie und zur Bekräftigung des Freihandels angesichts globaler Spannungen.
Dieses Abkommen markiert für die europäische und die indische Wirtschaft einen Wendepunkt: Es definiert Marktzugang neu, sichert Schlüsselwertschöpfungsketten ab und schafft erstmals seit zwei Jahrzehnten einen Handelsrahmen, der geopolitische Schocks abfedern kann.
Markus Kuger, Volkswirt für Deutschland, Coface.
Ein ambitioniertes Abkommen, jedoch mit anhaltenden strukturellen Risiken
Obwohl das Abkommen die Märkte deutlich öffnet, birgt es erhebliche Risiken, die seine wirtschaftlichen Effekte abschwächen könnten.
Wirtschaftliche und sektorale Risiken
In Schlüsselbranchen wie Automobilen stellt die Senkung der indischen Zölle von 70–110 % auf 10 % eine echte Öffnung dar, ist jedoch nicht ausreichend, um die strukturellen Marktbedingungen zu überwinden: starke Dominanz von Zweirädern (80 % der Verkäufe), niedrige Pkw-Besitzquote, hohe Konzentration lokaler Hersteller und Quoten von lediglich 250000 Fahrzeugen pro Jahr für europäische Exporte.
Im Stahl- und Chemiesektor bleiben indische Hersteller den strengsten europäischen Standards unterworfen, insbesondere dem CO2 Grenzausgleichssystem (CBAM), dessen Anwendung zusätzliche Kosten von mehr als 200 € pro Tonne für bestimmte Stähle verursachen könnte. Die EU plant 500 Millionen € Unterstützung für die Dekarbonisierung in Indien, doch diese Beträge reichen nicht aus, um die neuen Auflagen vollständig auszugleichen.
Risiken im Zusammenhang mit der globalen Nachfrage
Im Textil- und Bekleidungssektor könnten die Vorteile des zollfreien Zugangs zur EU durch anhaltend schwache europäische Nachfrage begrenzt werden, ebenso wie durch Konkurrenz von Lieferanten, die bis 2029 Präferenzzugang haben, insbesondere Bangladesch.
Politische und Umsetzungsrisiken
Der Präzedenzfall EU–Mercosur, das weiterhin blockiert ist, zeigt, dass ein Abkommen trotz politischer Unterzeichnung ausgesetzt bleiben kann. Obwohl das Fehlen sensibler Agrarprodukte das EU Indien Abkommen weniger verwundbar macht, kann ein politischer Rückschlag nicht ausgeschlossen werden. Auf indischer Seite sind die Risiken geringer, doch parallele Maßnahmen wie die Verbesserung von Geschäftsvisa hängen von den Mitgliedstaaten ab und könnten nicht schnell umgesetzt werden, was Spannungen und Verzögerungen verursachen kann.
Timing-Risiken
Das Ausmaß des Nutzens hängt stark vom Umsetzungsrhythmus ab: In mehreren Sektoren werden Zollsenkungen über fünf bis sieben Jahre, teils länger (Kunststoffe), gestreckt. Dies birgt das Risiko von Enttäuschungen für europäische Unternehmen, die die Vorteile möglicherweise erst langfristig sehen, während bestimmte regulatorische Verpflichtungen sofort gelten.








