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02.06.2020
Länder- und Branchenbewertungen

Welthandel: Globale Wertschöpfungsketten haben eine gute Zukunft

Welthandel: Globale Wertschöpfungsketten haben eine gute Zukunft

 

 Überreaktion des Handels auf das BIP

 

„Der internationale Handel geht in Krisenzeiten tendenziell stärker zurück als das BIP. Daher erwarten wir, dass die weltweite Rezession mit einem starken Rückgang des internationalen Handels zusammenfällt“, betont Declan Daly, Regional CEO der Coface für Zentral- und Osteuropa. Das Ausmaß dieser Überreaktion ist heute schwer zu messen. Die Welthandelsorganisation (WTO) prognostiziert einen Rückgang des Welthandels um 13 bis 32 Prozent. „Diese Schätzung deutet darauf hin, dass alle Regionen einen zweistelligen Rückgang ihres Handelsvolumens erleiden werden“, kommentiert Daly. Nach dem Prognosemodell von Coface wird der Welthandel im dritten Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahr voraussichtlich um 7 Prozent zurückgehen. Die Berechnungen berücksichtigen den Ölpreis, das Geschäftsvertrauen in das verarbeitende Gewerbe der USA, die südkoreanischen Exporte und den Baltic Dry Index. Das Ergebnis könnte jedoch deutlich schlechter ausfallen, da die üblichen linearen Modelle nur bedingt genutzt werden können. „In Zeiten negativer wirtschaftlicher Bedingungen ist eine starke Zunahme der Unsicherheit einer der Gründe für die Überreaktion des Handels auf das BIP. Aktuell befindet sich diese Überreaktion auf einem Allzeithoch“, so der Coface-Manager.

 

Neuer Protektionismus belastet den Welthandel

 

Protektionismus ist ein weiterer erschwerender Faktor. Seit Beginn der globalen Gesundheitskrise scheint sich der Handelsprotektionismus darauf zu konzentrieren, die Versorgung der Länder mit Nahrungsmitteln und lebenswichtigen medizinischen Produkten sicherzustellen. Bis zum 22. April 2020 standen 56 Prozent der 193 von Global Trade Alert registrierten Handelsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem oben genannten Ziel. Die meisten Maßnahmen (110) betrafen Ausfuhrverbote für Masken und andere Schutzausrüstungen, Atemschutzgeräte und Chemikalien, die bei der Herstellung verschiedener Medikamente benötigt werden.

 

In dieser Zeit erleichtern die Importeure die Einfuhr von Medizinprodukten, während die Exporteure die Ausfuhr erschweren. Auffällig ist die Entwicklung in China: Obwohl die medizinischen Exporte im Februar 2020 inmitten einer lokalen Gesundheitskrise um 15 Prozent zurückgingen, zeigte China mit dem dominierenden Marktanteil von 55,3 Prozent an den globalen Maskenexporten ihre Schlüsselrolle in der Versorgung. Chinas Tagesproduktion ist auf 116 Millionen Masken angestiegen. Das ist zwölfmal so viel wie vor der Pandemie.

 

Die Krise hat auch zu verstärktem Protektionismus im Agrar- und Lebensmittelsektor geführt. Die Wellen von Panikkäufen, die durch die Aussichten auf einen Lockdown ausgelöst wurden, waren nicht auf die privaten Haushalte beschränkt. Einige Länder begannen Getreide zu lagern, um die Kontinuität ihrer nationalen Nahrungsmittelversorgung zu gewährleisten. Heute unterliegt ein Drittel des Weizenangebots auf dem Markt vorsichtigen restriktiven Maßnahmen der wichtigsten Exporteure – allen voran Russland. Zum jetzigen Zeitpunkt haben die Exportverbote vor allem dazu geführt, dass sich die Nachfrage auf europäische Länder wie Frankreich verlagert hat, statt zu Lieferengpässen zu führen.

 

Neben Weizen ist Reis derzeit ein weiteres begehrtes Erzeugnis. In Indien, dem wichtigsten Reis-Exporteur der Welt, können die Lieferungen nicht mehr sichergestellt werden. Sperrmaßnahmen haben die inländischen Lieferketten unterbrochen, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften verringert und den Zugang zu den Ausfuhrhäfen erschwert. Obwohl Indiens Hauptkonkurrent Thailand über ausreichend Reisvorräte verfügt, werden die Exporte durch Lockdown-Maßnahmen in Kambodscha behindert. Diese blockieren die dringend benötigten Saisonarbeiter. Somit erreichte der Reispreis Ende März ein Siebenjahreshoch.

 

Die während der Abriegelung durchgeführten Grenzkontrollen hatten dennoch nur begrenzte Auswirkungen auf den Handel. Diese werden nun in Europa schrittweise gelockert, um die Tourismusindustrie wiederzubeleben und den Arbeitskräftemangel, insbesondere im Agrarsektor, zu bekämpfen.

 

Abschirmung der Produktion vor ausländischen Versorgungsschocks scheint unmöglich

 

Längerfristig stellen die Forderungen nach lokaler Produktion ein weiteres Risiko für den Welthandel dar. In der ersten Phase der Krise erkannten Unternehmen auf der ganzen Welt, wie exponiert ihre Lieferketten gegenüber China waren. Daraus folgt die zunehmende Widerstandsfähigkeit der Lieferketten. Dies könnte auf zwei Wegen geschehen: eine vollständige Verlagerung der Produktion auf den heimischen Markt oder eine starke globale Strategie der Lieferantendiversifizierung.

 

Eine vollständige Verlagerung von Produktionsprozessen auf die inländische oder regionale Ebene wirft Fragen der steigenden Produktionskosten und des Fachkräftemangels auf. Auch wenn diese beiden Probleme gelöst werden, würde jeder neue lokalisierte Produktionsprozess immer noch von der Rohstoffversorgung abhängig sein. Dieser kann nur bedingt verlagert werden.

 

Die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten wird zudem eine Verringerung der länderspezifischen Exposition durch Diversifizierung der Lieferanten erfordern. Auf den ersten Blick scheint es derzeit möglich in den meisten Sektoren Alternativen zu China zu finden. Da die wichtigsten Produzenten in einer Branche jedoch stark miteinander verflochten sind, wird die Abhängigkeit von China nicht radikal verschwinden, selbst wenn die Inputversorgung der anderen großen Drehkreuze des Sektors stärker diversifiziert wird. Das bedeutet, dass globale Wertschöpfungsketten noch eine gute Zukunft haben.

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