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25.10.2019
Länder- und Branchenbewertungen

Deutsche Wirtschaft: Mehr Zahlungsverzögerungen, mehr Pessimisten.

2019 Deutschland Zahlungsstudie

Deutschland befindet sich in einer Umbruchphase. Was Coface bereits im Juli zur Herabstufung in der Länderbewertung in A2 veranlasste, zeigt jetzt auch die dritte Umfrage zum Zahlungsverhalten von Unternehmen in Deutschland. Ein Ergebnis: Der Druck auf die Unternehmen wird immer größer. Nicht zuletzt deshalb haben deutsche Unternehmen ihre durchschnittlichen Zahlungsziele seit 2017 von 29,8 Tagen auf 35,9 Tage verlängert. Dennoch stieg der Anteil der Unternehmen, die länger als vereinbart aufs Geld warten mussten: von 78 Prozent vor zwei Jahren auf jetzt 85 Prozent. Der durchschnittliche Zahlungsverzug hat sich allerdings um fast 6 Tage von 41,4 auf 35,5 Tage verringert.

 

Längere Zahlungsziele, mehr Zahlungsverzögerungen, aber kürzere Überziehungen. Ein Widerspruch? Um diese Zahlen einzuordnen, müssen sie in Kombination gesehen werden. Aufgrund des für einige Unternehmen schwierigen Umfelds forderten die Kunden längere Zahlungsziele, durchschnittlich 6 Tage. Am Ende schaffen sie es unserer Umfrage nach dann dennoch, zur gleichen Zeit wie 2017 zu bezahlen, aber durch die Verlängerung der Zahlungsfristen ist der Zahlungsverzug eben um 6 Tage kürzer.

Dabei stellt sich die Frage, wie lange die Unternehmen da noch mithalten können, denn die Erwartungen an die Höhe der ausstehenden Forderungen in den nächsten 12 Monaten haben sich verändert. 63 Prozent der befragten Unternehmen erwarten zwar in den nächsten sechs Monaten keine Veränderungen. Von den restlichen 37 Prozent fürchten jedoch mehr Unternehmen, dass ihre Forderungssummen steigen werden. Das ist eine große Veränderung gegenüber 2017, als die Mehrheit noch einen Rückgang der ausstehenden Forderungen prognostizierte.

 

Längere Zahlungsziele nicht aus Vertrauen

 

Kurz- und mittelfristige Kreditlaufzeiten dominieren weiter den Markt. 87 Prozent der von Coface befragten Unternehmen erwarten, dass die Zahlungen innerhalb von 60 Tagen erfolgen. Das sind im internationalen Vergleich sehr viele: In der Coface-Zahlungsumfrage 2019 in Polen gaben nur 64 Prozent der Unternehmen Zahlungen innerhalb von 60 Tagen vor. In China lag der Anteil unter 50 Prozent und in Marokko sogar nur bei 16 Prozent.

Die verlängerten Zahlungsziele waren am deutlichsten in den Bereichen Pharma-Chemie (plus 19 Tage), der Metallindustrie (12 Tage) und im Transportwesen (8 Tage), während sich die durchschnittliche Kreditlaufzeit im Bereich Agrar-Lebensmittel-Holz um 5 Tage verringerte. Der Grund für die Erhöhung der durchschnittlichen Kreditlaufzeit zwischen 2019 und 2017 ist nicht, dass sich das Vertrauen in die Kunden erhöht hat. Im Jahr 2019 beantworteten 23 Prozent der befragten Unternehmen, dass ihre Kreditrisiken versichert sind, verglichen mit 14 Prozent im Jahr 2017. Absicherung auf der einen Seite, Notwendigkeit auf der anderen: Denn der Anteil der Kunden mit engerer Liquidität ist von 14,6 Prozent auf 15,8 Prozent gestiegen. Da es nach wie vor ein Standard ist, dem Kunden bei seinen Zahlungen entgegenzukommen, werden auch längere Laufzeiten für den Lieferantenkredit gewährt.

Zahlungsziele verschiedener Branchen (in Tagen)

 

 

 

Textil und Großhandel mit Steigerungen

 

Den stärksten Anstieg der Zahl der Unternehmen mit Zahlungsverzögerungen verzeichneten der Textilkleidungssektor (von 58 Prozent auf 78 Prozent), der Groß- und Einzelhandel (von 75 Prozent auf 89 Prozent) und der Automobilsektor (von 73 Prozent auf 81 Prozent). Rückgänge gab es im Transportsektor, wenn auch nur leicht und weiter auf hohem Niveau von 86 Prozent auf 81 Prozent.

In fast allen Sektoren ist der beschrieben Rückgang der Verzögerungszeit zu beobachten. Die einzige Ausnahme ist der Maschinenbau mit plus 5 Tagen. Die durchschnittlich kürzesten Überziehungen im Jahr 2019 meldet die Automobilindustrie, während der längste durchschnittliche Verzug aus dem Baugewerbe mit 43,6 Tagen gemeldet wurde. Nur 1% aller Unternehmen melden Zahlungsverzögerungen von mehr als 120 Tagen.

Die Gründe für Verzögerungen sind hauptsächlich finanzielle Schwierigkeiten von Kunden. Das sahen 46 Prozent der befragten Unternehmen. 15 Prozent berichteten über Managementprobleme als Hauptgrund. Als Hauptursache für den finanziellen Druck nannten die Unternehmen mit 45 Prozent den harten Wettbewerb, der die Gewinnmargen belastet. Ein Viertel der Unternehmen sah in der mangelnden Finanzierung das Hauptproblem.

Durchschnittliche Zahlungsverzögerungen (in Tagen)

 

 

 Erwartungen: Dunkle Wolken am Horizont

 

Die Geschäftserwartungen haben sich deutlich eingetrübt. 30 Prozent der Unternehmen sagen, dass sich die wirtschaftlichen Aussichten für dieses Jahr im Vergleich zu 2018 verschlechtert haben, nur 20 Prozent sehen ihre Geschäftsaussichten 2019 positiv. Die größten Pessimisten sind der Automobilsektor mit 62 Prozent der Unternehmen, die schlechtere Konjunkturaussichten haben, die Metallindustrie, die ein großer Zulieferer für die Automobilbranche ist, und der Textil-Bekleidungssektor mit jeweils 50 Prozent negativer Erwartung. Interessant ist, dass die Automobilbranche 2017 noch der größte Optimist für die Geschäftsaussichten war. Der einzige sehr optimistische Sektor ist Elektronik-Informations- und Kommunikationstechnologie. Hier gaben 43 Prozent der Unternehmen an, dass ihre Geschäftsaussichten 2019 besser sind als 2018.

 

Wie haben sich ihre Geschäftserwartungen in diesem Jahr im Verhältnis zum letzten Jahr geändert? (in Salden)

 

 

 

 

Dies ist eine große Trendwende bei den Geschäftsaussichten. Als wir 2017 die gleiche Frage stellten, waren fast alle Unternehmen optimistisch, was die Geschäftsaussichten für das laufende Jahr betrifft. Im Durchschnitt aller Sektoren war der Saldo mit 21 Punkten sehr positiv, nur der Sektor Textil-Bekleidung war damals im Durchschnitt pessimistisch. Was hat sich zwischen 2017 und diesem Sommer geändert? Es sind vor allem die gestiegenen globalen (politischen) Risiken. Fast 20 Prozent der Unternehmen sehen den Handelskonflikt USA-China als Hauptrisiko für ihr Exportgeschäft, gefolgt vom Brexit mit einem Anteil von 15 Prozent. 2017 sahen sich nur 3 Prozent vom Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU betroffen. 2017 war der Brexit noch weit weg, und die meisten Menschen gingen von einem geordneten Austritt Großbritanniens aus der EU über ein Brexit-Abkommen aus.

 

Deutschland und EU bleiben wichtigste Märkte

Welche Konsequenzen hat dies für die Märkte mit den erwarteten größten Chancen? Wie in den anderen Umfragen zuvor bleibt Deutschland das Land mit den größten Chancen. Aber das Vertrauen in Deutschland sinkt. Während 2017 noch 86 Prozent Deutschland bevorzugten (mehrere Antworten waren möglich), sind es jetzt noch 81 Prozent. Große Gewinner sind andere EU-Länder. 57 Prozent der befragten Unternehmen sehen hier die größten Chancen für ihr Geschäft. China und die USA haben etwas Vertrauen gewonnen. Es scheint, dass die schiere Größe und die nach wie vor robusten Wachstumsraten so attraktiv sind, dass deutsche Unternehmen die zunehmende protektionistische Bedrohung vernachlässigen.

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