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Die Situation ist für Europa sehr herausfordernd

Im Interview mit Die Presse spricht Xavier Durand, CEO von Coface, über Risikomanagement, aktuelle wirtschaftliche Herausforderungen sowie die zentrale Rolle von Daten und Innovation in der Risikoanalyse und -prävention.

Europa muss mächtiger werden, sagt Xavier Durand, Chef des französischen Kreditversicherers Coface. Auch wenn es viele Menschen nicht wahrhaben wollen.

 

Die Presse: Ist Coface fit für das KI-Zeitalter? 

Xavier Durand: Wir haben 720 Milliarden Euro an Risiko in fünf Millionen Kreditlinien stecken, wir machen jeden Tag 13.000 Kreditentscheidungen. Unser Datenbankindex kann Informationen zu 245 Millionen Unternehmen abrufen. Sie können sich also vorstellen, mit welchen riesigen Datenmengen wir arbeiten. Diesen Datensatz haben wir lange Zeit aufgebaut. Die künstliche Intelligenz kommt sozusagen obendrauf und übernimmt inzwischen einige Aufgaben. Wir haben vor sechs Jahren drei KI-Leute eingestellt, das hat so gut funktioniert, dass wir kurze Zeit später zwölf weitere Experten geholt haben. Die Einstellungen haben sich bereits im ersten Jahr finanziell rentiert, inzwischen haben wir 30 KI-Experten – und es werden immer mehr.

Haben sich die Einstellungen rentiert, weil Sie Kosten senken oder bessere Kreditentscheidungen treffen konnten?

Durch geringere Kosten. Aber natürlich wurden auch unsere Risikomodelle besser.

 

Viele Unternehmen tun sich mit KI schwer, weil sie ihre Daten unstrukturiert speichern…

...die große Herausforderung mit KI sind die Daten, nicht die Modelle. Bei uns haben immer schon alle Länderorganisationen mit demselben Datensatz gearbeitet. Das hat uns sehr geholfen, künstliche Intelligenz schnell zu skalieren. 

 

Sie sind ein europäisches Unternehmen mit Sitz in Frankreich. Arbeiten Sie mit der französischen KI-Hoffnung Mistral zusammen? 

Aktuell nicht. Wir sind agnostisch und sehr pragmatisch und suchen nach den besten Lösungen für konkrete Anwendungsfälle. Wir sind eines von sehr wenigen europäischen Unternehmen, die Firmendaten und Risikoeinschätzungen als Service anbieten können. Wir haben vor ungefähr fünf Jahren den Bereich „Data as a service” unter der Marke Coface Business Information lanciert, inzwischen beschäftigen wir allein in dem Segment mehr als 800 Personen.


In Frankreich läuft der Staatshaushalt aus dem Ruder, Deutschlands Industrie kriselt seit Jahren. Die zwei größten EUWirtschaften stecken in der Krise.

Es ist sozusagen das Negativ der Finanzkrise. Damals war die Peripherie in der Krise, das Zentrum war wirtschaftlich stark. Jetzt kriselt der Kern, während es der Peripherie besser geht. Die Gründe sind vielfältig. Europa ist fragmentiert, wir haben eine Gemeinschaftswährung, aber keine gemeinsame Fiskalpolitik, keine vollendete Kapitalmarktunion. Wir haben unterschiedliche Sprachen, Standards, Regulierungen und 27 Mitgliedstaaten, entsprechend langsam bewegt sich Europa. Aber der Druck wächst, und er kommt nicht nur aus China, sondern auch aus den USA, die ihren Markt mit Zöllen schützen und von Europa höhere Verteidigungsausgaben verlangen. Zugleich gibt es eine wachsende Zahl an Konflikten in Europas Nachbarschaft, die unter anderem für dauerhaft höhere Energiepreise verantwortlich sind. Und einen rasanten technologischen Fortschritt. Das ist eine sehr herausfordernde Situation für die europäische Industrie. 

 

Dass sich Länder wie Frankreich aktuell vor allem mit sich selbst beschäftigen, hilft aber wenig

Ja, hilfreich ist das nicht. Europa hat sich an einen gewissen Komfort gewöhnt. Aber der Druck wächst, und Europa wird sein Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Die europäischen Gesellschaften haben zum Teil Schwierigkeiten, das zu akzeptieren. Wo sehen Sie die wichtigsten wirtschaftspolitischen Stellschrauben auf europäischer Ebene?
Helfen würde, wenn Kapital leichter dorthin fließen könnte, wo es gebraucht wird. Die technologischen Entwicklungen, die sich zum Beispiel im Bereich KI abspielen, verlangen
riesige Investitionen, aber aktuell sind grenzüberschreitende Investments in Europa mühsam. Es würde helfen, den Binnenmarkt stärker zu integrieren, um im Wettbewerb mit anderen großen Märkten nicht das Nachsehen zu haben.


Muss Europa dafür auch in politischer Hinsicht mächtiger werden?

Wir haben keine andere Wahl. Europa war lange Zeit vor allem Regulator, jetzt muss es zum Policymaker und Integrator werden. Aber das bedeutet, dass die Mitglieder mehr Macht nach Brüssel abgeben müssen. Und damit tun wir uns schwer. 

 

Sie haben viele Gründe für die aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten genannt. Wie reagieren Unternehmen auf die gestiegene Unsicherheit?

Europa hat eine starke industrielle Basis, aber wir befinden uns in einem Moment des Wandels. All diese Dinge, über die wir gesprochen haben, bremsen das Wachstum. Es ist sehr schwer, Vorhersagen über die Zukunft zu treffen. Firmen halten sich mit Investitionen zurück, weil sie nicht abschätzen können, ob und wie sie sich rentieren. Wer sich in Mexiko angesiedelt hat, um von dort den US-Markt zu bedienen, sieht sich auf einmal mit hohen Zöllen konfrontiert. Und niemand weiß, ob die Zölle in vier Jahren noch da sind, ob sie niedriger oder vielleicht sogar höher sind. Konsumenten halten sich aufgrund der Teuerungskrise und der gestiegenen geopolitischen Risiken mit ihren Konsumausgaben zurück. Unsicherheit bremst das Wachstum der Weltwirtschaft.


Wie können Firmen diese Unsicherheit besser navigieren?

Wer seine Entscheidungen auf einem einzigen Szenario basiert, wird mit seinen Annahmen mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch liegen. Vorhersagen sind kaum möglich, und zudem sind ein paar wenige Personen so mächtig, dass sie die Spielregeln über Nacht ändern können. Man sollte überlegen, wie sich das eigene Geschäft in unterschiedlichen Szenarien entwickeln würde, und nach Resilienz, Flexibilität und Agilität streben. Das kostet zwar Geld, aber wenn man vollständig von einem Lieferanten, einem Handelsweg oder einer Technologie abhängig ist, riskiert man, schnell aus dem Geschäft zu sein.

 

Aber Unternehmen sind vielfach gehemmt und investieren einfach weniger – oder gar nicht.

Um ein Jahr lang gut zu leben, muss man jeden einzelnen Tag davon gut leben. Es ist schon auch wichtig, kurzfristig große Fehler zu vermeiden. Genau da können wir helfen, indem wir den Unternehmen schnell qualitativ hochwertige Risikoanalysen bereitstellen. Schon eine einzige unbeglichene Rechnung kann Schwierigkeiten machen und Investitionen erschweren, wenn es um einen großen Betrag geht. 

 

Für einen Kreditversicherer und Datenlieferanten wie Coface bietet das unsichere Umfeld also auch Chancen?

Die weltweiten Insolvenzen steigen seit mehreren Jahren kontinuierlich an und liegen auf dem höchsten Stand der vergangenen zehn bis 15 Jahre. Es gibt Risiken, wir sehen sie und können sie quantifizieren und die Kunden spüren sie auch. Wir sind gut aufgestellt, um Unternehmen zu helfen, die Risiken zu navigieren. Wir bieten Schutz durch Kreditversicherungen und helfen mit Daten und Analysen. Es ist schwer genug, auf eine unsichere Zukunft zuzusteuern. Da sollte man kurzfristige Krisen möglichst vermeiden.