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19.12.2023
Länder- und Branchenbewertungen

Um aus den Schulden herauszukommen, muss Südeuropa über den Tourismus hinausdenken und seine demographische Krise lösen

Focus Südeuropa

Nach einem starken Rückgang aufgrund der Reisebeschränkungen zur Bekämpfung von Covid-19 erreichen die Touristenzahlen in ganz Europa wieder das Vor-Pandemie-Niveau, wobei die Mittelmeerländer besonders davon profitieren. Von einem angeschlagenen Triebwerk vor einem Jahrzehnt hat sich Südeuropa zum starken Zugpferd der europäischen Wirtschaftserholung nach der Pandemie entwickelt. In den Jahren 2021-23 haben Italien, Spanien, Griechenland und Portugal konstant zwischen einem Viertel und der Hälfte des BIP-Wachstums der EU beigetragen. In Zukunft werden der Klimawandel und die Inflation dafür sorgen, dass der Tourismusboom nicht mehr von Dauer sein wird. Gleichzeitig führt die Tourismusabhängigkeit zu weniger wettbewerbsfähigen Arbeitskräften. Angesichts einer schweren demographischen Krise ist dies ein Luxus, den sich Italien nicht leisten kann. Künstliche Intelligenz, Frauen und Migration: All diese Hebel werden benötigt, um das Wachstum zu stärken und die wiederkehrenden EU-Finanzvorschriften einzuhalten.

 

DIE WACHSENDE ROLLE DES TOURISMUS IN SÜDEUROPA

Die EU verzeichnete einen Rekordsommer, in dem die Zahl der Übernachtungen in Touristenunterkünften den höchsten Stand seit einem Jahrzehnt erreichte (1 198 Millionen im ersten Halbjahr 2023, d. h. +1,3 % gegenüber dem ersten Halbjahr 2019)[1].

Obwohl die Inflation und die steigenden Reisekosten das Budget der Verbraucher stark belasten, sind die Haushalte im Vergleich zu anderen Ausgaben weiterhin bereit, für Reisen auszugeben. Infolge dieses Zustroms von Touristen, aber auch aufgrund steigender Preise, insbesondere für Verkehrsmittel, stieg der Umsatz der touristischen Aktivitäten im zweiten Quartal 2023 um durchschnittlich 30 % im Vergleich zum zweiten Quartal 2022 und um 25 % im Vergleich zu 2019[2].

Es wird erwartet, dass die Erholung des Tourismus eine zentrale Rolle für die Widerstandsfähigkeit des Wachstums in Südeuropa spielen wird, dessen Volkswirtschaften besonders darauf angewiesen sind. Der Sektor macht mehr als 10 % des BIP der Länder dieser Region aus und leistet einen wichtigen Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen, unter anderem, weil es sich um einen beschäftigungsintensiven Sektor handelt.

 

 

LANGZEITFALLEN

Der Blick in die Zukunft zeigt, dass der Tourismusboom nicht mehr genug Schwung haben wird, um weiterhin eine Hauptrolle in der europäischen Wirtschaft zu spielen. Auf globaler Ebene bestehen weiterhin zahlreiche Risiken (makroökonomische, finanzielle, soziale und politische). In einer durch Inflation geprägten Welt wird es für Südeuropa schwierig sein, gegenüber aufstrebenden Reisezielen in den Schwellenländern kostenmäßig wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Klimawandel hat besondere Auswirkungen auf die südeuropäischen Regionen, die im Sommer regelmäßig großer Hitze ausgesetzt sind[3].

Andererseits führt die wirtschaftliche Abhängigkeit Südeuropas vom Tourismus zu einer erheblichen Verzerrung der Produktivität im Vergleich zu den übrigen Ländern Europas. Die mit dem Tourismus verbundenen Tätigkeiten sind durch ein geringeres Bildungsniveau der Arbeitskräfte und prekäre Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet.

 

 

 

EU real GDP growth- Southern Europe contribution

ITALIENS ARBEITSKRÄFTEMANGEL WIRD SICH VERSCHÄRFEN, WENN DIE EU-FINANZVORSCHRIFTEN WIEDER IN KRAFT TRETEN

Die Herausforderung der Wettbewerbsfähigkeit ist für Italien, wo der Bevölkerungsrückgang einen dauerhaften Arbeitskräftemangel zur Folge hat, von größter Bedeutung. Bis 2040 wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Italien um 11,7 % schrumpfen, gegenüber 2,4 % in Frankreich, 4,1 % in Spanien und 4,9 % in Deutschland. Coface schätzt, dass die demographische Krise das BIP-Wachstumspotenzial Italiens bereits 2025 fast halbieren kann. Dies ist von entscheidender Bedeutung, wenn die EU-Finanzvorschriften wieder zum Tragen kommen, denn jedes Wachstumshindernis ist ein Problem für den Schuldenabbau. Daher ist der Bevölkerungsrückgang ein Risikofaktor für die finanzielle Stabilität.

 

 

DAS UNGENUTZTE POTENTIAL ITALIENISCHER FRAUEN

Realistisch gesehen besteht die beste Möglichkeit darin, dies in Italien durch eine beschleunigte Beschäftigung von Frauen zu erreichen, wie dies in Spanien in den Jahren 1990-2000 der Fall war. Nur 55 % der Frauen in Italien haben eine feste Anstellung, gegenüber 70 % in Spanien. Italien muss etwa 1 Million Frauen in die Erwerbsbevölkerung aufnehmen und das Produktivitätswachstum auf jährlich 0,5 % steigern, wenn es die der EU im Haushaltsplan 2024 vorgeschlagenen (und in den EU-Finanzvorschriften implizierten) Ziele erreichen will.

Wenn die politischen Maßnahmen zur Förderung der Berufstätigkeit von Frauen und der Produktivität nicht ausreichen, wird der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften steigen, wobei weniger qualifizierte Arbeitskräfte eine immer größere Rolle spielen werden. Zwischen 2011 und 2021 ist die Zahl der Arbeitskräfte mit Hochschulabschluss um 35 % gestiegen, während die Zahl der Arbeitskräfte ohne Hochschulabschluss um 6 % gesunken ist.

 

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ UND BEVÖLKERUNGSRÜCKGANG: EINE HIMMLISCHE FÜGUNG?

Selbst wenn es Italien gelingt, die Erwerbsquote und die Geburtenrate seiner Nachbarländer anzugleichen, wird es nur eine Frage von Jahren sein, bis das demographische Problem wieder auftaucht. Jede langfristige Lösung für den Bevölkerungsrückgang wird umfangreiche Effizienzsteigerungen erfordern. Wenn sie schnell genug eingeführt wird, hat die künstliche Intelligenz ein großes Potenzial, die Produktivität dauerhaft zu steigern, vielleicht sogar so sehr, dass sie den Bevölkerungsrückgang kompensieren kann. Umgekehrt könnte eine schrumpfende Bevölkerung dazu beitragen, dass daraus resultierende Problem der Arbeitslosigkeit zu mildern, wenn sich die Befürchtung bewahrheitet, dass die KI zur Verlagerung von Arbeitsplätzen führt.

 

[1] Quelle Eurostat

[2] Quelle Eurostat

[3] Aus einer aktuellen ETC-Umfrage geht hervor, dass die Wetterbedingungen zwar nach wie vor der wichtigste Faktor sind, den europäische Touristen bei der Wahl ihres Reiseziels berücksichtigen, aber 14 % der Befragten nannten auch extreme Wetterereignisse als zusätzliche Sorge, das sind 7 % mehr als bei der Umfrage im Mai 2023.

[4] Italien, Spanien, Griechenland und Portugal

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