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22.05.2018
Länder- und Branchenbewertungen

Westbalkan-Länder wegen strategischer Bedeutung bald EU-Mitglieder

Westbalkan-Länder wegen strategischer Bedeutung bald EU-Mitglieder

Auf der EU-Westbalkan-Konferenz am 17. Mai wird die EU ihre Absicht erneuern, die Westbalkan-Länder in die EU aufzunehmen. Einen Grund für die Mitgliedschaft sehen die Coface-Volkswirte in der Zielsetzung, die russische und chinesische Präsenz in der Region auszubalancieren.

 

Enge Handelsbeziehungen

Nach den Kriegen in den 1990er Jahren und der Finanzkrise 2008 bis 2011 haben die Länder des westlichen Balkans, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien, ihre wirtschaftlichen Beziehungen zur EU vertieft. Die EU als größter Handelspartner der Region macht 83 Prozent der Exporte und 67 Prozent der Importe aus. Seit 2008 ist das Warenhandelsvolumen auch wegen der Stabilisierungsabkommen um 80 Prozent gestiegen. Das hohe Handelsbilanzdefizit beruht auf der engen Produktionsbasis der Länder mit eher geringwertigen Gütern. Das Defizit wird weitgehend finanziert durch die Geldzuflüsse im Ausland lebender Bürger der Länder und ausländische Direktinvestitionen, zumeist aus Westeuropa. Die Überweisungen von Emigranten machen 10 Prozent des BIP in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Serbien aus, geschätzte 15 Prozent im Kosovo, aber nur 4 Prozent in Mazedonien. Die EU-Präsenz ist im Moment bedeutsam für das Bankwesen, die Telekommunikation, den Energiesektor und den Tourismus sowie in etwas geringerem Ausmaß für die produzierenden Gewerbe. Die Direktinvestitionen aus dem Ausland summieren sich auf 40 Prozent des BIP in Albanien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien, 70 Prozent in Serbien und 113 Prozent in Mazedonien. Da der Euro in der Region intensiv genutzt wird, sind die Länder zugleich stark abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung und Geldpolitik in der EU.

 Korruption, Arbeitslosigkeit und niedriges BIP pro Kopf: Noch ein langer Weg zu gehen

 

Der Beitritt der Westbalkanländer in die EU ist aus mehreren Gründen sehr wahrscheinlich: die strategisch wichtige geografische Lage, die Gefahr, dass Konflikte zischen Nachbarländern übergreifen, sowie ein Gegengewicht zum Einfluss Russlands und Chinas in der Region. Serbien und Montenegro könnten als die am weitesten entwickelten Länder noch vor 2025 aufgenommen werden. Für die EU würden begrenzte zusätzliche finanzielle Aufwendungen entstehen. Für den Zeitrahmen von 2014 bis 2020 sind 7 Milliarden Euro veranschlagt, überwiegend für administrative und institutionelle Reformen. Mit einer Mitgliedschaft könnten zusätzlich rund 2 Prozent des 2017er Haushalts der EU 28 anfallen.

 

Aufgrund ernsthafter Governance-Defizite wird die Vollmitgliedschaft der Region allerdings noch ein längerer Prozess werden. Dazu zählt die Korruption in Verwaltung und Justiz. So sind die Westbalkanländer 2017 am Ende der Europa-Skala von Transparency International. Auch die Weltbank-Indikatoren für Governance sehen eine schwache politische Stabilität in Albanien, Mazedonien, Kosovo und Montenegro, institutionelle Fragmentierung in Bosnien und Herzegowina und insgesamt eine schlechte Politik gegen Korruption und Insolvenzen.

 

Das durchschnittliche Pro-Kopf-BIP[1] der Westbalkan-Länder beträgt gerade einmal ein Viertel der EU 15 und die Hälfte der elf mittel- und osteuropäischen Mitglieder. Die Angleichung, die nach den Balkankriegen eingesetzt hatte, wurde von der Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2008 wieder gestoppt. Hier zeigte sich die noch schwache Wettbewerbsfähigkeit. Derzeit beträgt die Arbeitslosigkeit 16,2 Prozent und bezogen auf die jüngeren Menschen 37,6 Prozent. Legt man das aktuelle Wirtschaftswachstum von knapp über 3 Prozent im Schnitt zugrunde, würde die Region nach Berechnungen der Weltbank über 60 Jahre brauchen, um das durchschnittliche Pro-Kopf-BIP der jetzigen EU zu erreichen.

[1] based on Purchasing Power Parity exchange rates

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