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26.04.2016
News zu Coface, Länder- und Branchenbewertungen

Weltwirtschaft – Risiken ohne Ende? Womit sich die österreichische Wirtschaft 2016 auseinandersetzen muss

Mario Jung Senior Regional Economist Coface Northern Europe Katarzyna Kompowska Region Manager Central Europe Michael Tawrowsky Country Manager Coface

Der internationale Kreditversicherer Coface prognostiziert einen weiterhin flachen Anstieg des Weltwirtschaftswachstums in 2016: +2,7 Prozent, nach +2,6 Prozent im Jahr 2015. Die aktuelle globale Risikolage bleibt angespannt und belastet die exportierenden Unternehmen. Im Fokus stehen folgende Risikofelder: die Schwäche der Emerging Markets, die niedrigen Rohstoffpreise sowie die neben den militärischen Konflikten weit gestreuten politischen Risiken.

 

Im Rahmen eines Pressegesprächs im Vorfeld der 14. Coface Country Risk Conference in Wien präsentierten Katarzyna Kompowska, Region Manager Central Europe, Dr. Michael Tawrowsky, Country Manager Coface Austria, und Dr. Mario Jung, Senior Regional Economist Coface Northern Europe Region, ihren wirtschaftlichen Ausblick und die aktuelle Entwicklung der Länderrisiken.

Globale Risikolage ist angespannt und belastet Exporteure

„Der Katalog an Risiken für die globale Wirtschaft ist 2016 um einige Seiten dicker geworden. Derzeit stehen vor allem die folgenden Risikofelder im Fokus: die Schwäche der Emerging Markets, die niedrigen Rohstoffpreise sowie militärische und politische Konflikte und Risiken“, erläuterte Dr. Mario Jung, Senior Regional Economist Coface Northern Europe Region die aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Zusätzlich nimmt das Wachstum der Weltwirtschaft trotz der Unterstützung der großen Notenbanken nicht so recht Fahrt auf. Das schwächt vor allem die globale Investitionsbereitschaft der Unternehmen, die ein wichtiger Schlüssel für eine dynamischere Weltkonjunktur ist.

Emerging Markets: China vor einer „harten Landung“?

Die Emerging Markets stehen auch dieses Jahr vor einigen Problemen. Ein besonderes Augenmerk gilt nach wie vor China (BIP Wachstum von +6,5 Prozent nach +6,9 Prozent in 2015), alleine schon wegen seines großen Gewichts in der Weltwirtschaft und seiner bedeutenden Rolle in den globalen Wertschöpfungs- und Lieferketten. Der Prozess der graduellen Abschwächung dürfte sich in diesem Jahr fortsetzen. Zum einen lastet das geringe Wachstum der Weltwirtschaft auf den chinesischen Exporten. Zum anderen ist der Umbau des chinesischen Wachstumsmodells – mit einer stärkeren Bedeutung für die binnenwirtschaftlichen Sektoren – ein Prozess, der Zeit braucht und auch Ressourcen kostet. Dennoch ist nicht von einer so genannten „harten Landung“ im Reich der Mitte auszugehen, auch weil die Staatsführung mit Geld- und Fiskalpolitik noch ausreichend Reserven hat, um stabilisierend einzugreifen.
Auch viele andere Schwellen- und Entwicklungsländer haben signifikante politische und wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Allen voran Brasilien (BIP Wachstumsrückgang -3 Prozent in 2016) sowie die Volkswirtschaften, die sehr stark von Rohstoffexporten abhängig sind.

Niedrige Rohstoffpreise: Fluch und Segen zugleich

Die immer noch niedrigen Rohstoffpreise sind ein Fluch für Länder wie Saudi-Arabien und Co., weil sich ihre Einnahmenbasis deutlich getrübt hat und ihr Wirtschaftsmodell nicht auf einer breiten und nachhaltigen Basis steht. Damit kommt der China-Effekt auch bei diesen Ländern an, da der Rohstoffhunger des Reichs der Mitte weitaus kleiner ist als noch zu den Zeiten des boomenden Wachstums. Mit massiven Budgetkürzungen und Zurückhaltung bei ihren Investitionen versuchen die Rohstoffexporteure, die negativen Effekte im Zaum zu halten. Aufgrund des verhaltenen Wachstumstempos der Weltwirtschaft dürften sich die Rohstoffpreise im Verlaufe dieses Jahres auch nur mäßig nach oben bewegen.
Auf den ersten Blick sind die niedrigen Rohstoffpreise ein Segen für rohölimportierende Länder, die vor allem in der Gruppe der Industrieländer vorzufinden sind. Davon profitiert auch die österreichische Volkswirtschaft: Die niedrigeren Preise an den Zapfsäulen und für die Betankung von Heizöltanks wirken wie eine Steuersenkung für private Haushalte. Auch für den Unternehmenssektor stellen diese eine Kostenentlastung dar. Daher ist dieser Faktor ein wichtiger Stabilisator für die Binnen-Nachfrage. Doch für die hiesige Exportwirtschaft stellen niedrige Rohstoffpreise auch ein Risiko dar: Weil sie die finanzielle Lage von rohstoffexportierenden Staaten und deren Unternehmen belasten, dämpft dies im Umkehrschluss die Nachfrage nach österreichischen Produkten und hat Einfluss auf die Exportzahlen.

Risiko: Militärische und politische Konflikte

Mögliche Risiken der entwickelten Volkswirtschaften dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Diese kommen inzwischen weniger von wirtschaftlicher Seite, wie dies während der Hochphase der Finanzkrise der Fall war, sondern verstärkt vom politischen Parkett. Neben den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA und der Brexit-Debatte bereitet vor allem die weitere Entwicklung innerhalb der Europäischen Union Sorge. Ein Problem ist die fortschreitende Fragmentierung der nationalen Parlamente: An den Beispielen Spaniens, Portugals und Irlands ist erkennbar, dass die Bildung stabiler, reformorientierter und pro-europäischer (Mehrheits-) Regierungen immer schwieriger wird.
Ein weiteres Problem ist der nachlassende politische Zusammenhalt in der Europäischen Union, der bei den Verhandlungen mit Großbritannien und dem möglichen Brexit sowie vor allem im Zuge der Flüchtlingskrise zu Tage tritt. Nicht nur für die österreichische Volkswirtschaft besteht die Gefahr, dass eine Rückabwicklung der politischen und ökonomischen Verflechtung Kollateralschäden anrichten würde. Zentral aus ökonomischer Sicht ist dabei, ob die Errungenschaften des Schengen-Raums noch weiter beeinträchtigt werden. Weitere Grenzsicherungen und Abschottungen würden Österreich als Transitland ganz besonders empfindlich treffen und die Exportwirtschaft belasten. Der Transportsektor wäre unmittelbar betroffen, aber auch die Industrie. Denn die Wertschöpfungs- und Lieferketten müssten neu austariert werden, was in der Summe große Effizienzverluste und damit Einbußen an Wirtschaftsleistung nach sich ziehen könnte.

Welche Länder sind die sichersten Häfen?

Der Kreis der Länder, für die Coface mit der Einstufung A1 die geringsten Risiken für Zahlungsausfälle der Unternehmen sieht, ist seit 2015 um zwei Mitglieder kleiner geworden: Japan und Kanada. Damit besteht die Top-Gruppe nur noch aus zehn Ländern: Neben Österreich, Deutschland, USA, Hongkong, Luxemburg, Norwegen, Singapur, Schweden, Schweiz und Taiwan. Unter diesen Ländern sind Hongkong und Taiwan weiterhin unter Beobachtung in Richtung einer möglichen Herabstufung.
Für die österreichische Volkswirtschaft prognostiziert Coface ein Wachstum von +1,5 Prozent in 2016 (nach 0,8 Prozent in 2015). Die Stärken des Landes bleiben auch nach der jüngsten Überarbeitung der Länderbewertungen intakt:
- die zentrale Lage in Europa und eine diversifizierte Industrie
- die Stabilität von Familienunternehmen und im Angebot von Nischenprodukten
- eine geringe Verschuldung von privaten Haushalten und Unternehmen
- ein 30-prozentiger Anteil erneuerbarer Energien am Energiemix
- die Stärke im Tourismus
Allerdings sehen die Coface-Experten die österreichische Wirtschaft nicht frei von Schwächen. Dazu zählen die starke Abhängigkeit des heimischen Außenhandels von Deutschland und Zentraleuropa, die aber derzeit ein solides Wachstum aufweisen. Daneben bleibt der Bankensektor aufgrund seines auf Osteuropa ausgerichteten Geschäftsmodells anfällig. Wie andere Länder auch, hat Österreich mit Problemen in der demographischen Entwicklung und mit Ineffizienzen in der Bürokratie zu kämpfen.
Bildmaterial zur Pressekonferenz finden Sie hier.

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Kontakt


Verena SCHWARZ

Communications Manager
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1030 Wien
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Tel: +43 (0) 1 515 54 540
Email: verena.schwarz@coface.com

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